Unterhaltsames 11. Alpnach persendlich zum Thema Heimat

Maria Dänzer und Josef Imfeld

Ein ausgesprochen lebendiges und unterhaltsames 11. Alpnach persendlich erlebten an die 90 Zuhörer in der reformierten Kirche in Alpnach. Gesprächsleiterin Karin Klapproth unterhielt sich mit der aus Ägypten geflüchteten, in Amerika aufgewachsenen und nun in der Schweiz sesshaften Maria Dänzer und dem Landwirt Josef Imfeld junior, der schon mal für einen Spitalaufenthalt nach Zürich musste, sonst aber nicht weit herum kam, vor allem noch nie die Schweiz verlassen hat. Mit Witz und trockenem Humor überraschte vor allem Imfeld, das Gespräch sorgte insgesamt für einige Lacher.
Bericht ist nun ergänzt samt Diaschau.

Maria Dänzer

Maria Dänzer wurde in Ägypten als Tochter eines Ägypters und einer Schweizerin geboren. Von ihren zwei Jahren in der Kindheit dort weiss sie nur wenig, doch der Alltag war für die Familie (Vater ist Kopte) nicht einfach. Unter dem Vorwand einer im Ausland nötigen Augenoperation reisten sie in die Schweiz (zwei Wochen wurden ihnen zugestanden), dem Vater wars hier aber zu kalt, und so gings weiter nach Los Angeles. Dort lernte sie während des Studiums ihren heutigen Mann Andreas kennen, den Sohn einer Davoserin, die mit ihrer Mutter zur Schule ging… Er war als Gast bei ihrer Familie, “und blieb eine, dann zwei, drei Wochen, nach fünf Wochen kehrte er in die Schweiz zurück.” Sie schrieben sich häufig, sie beeilte sich, ihr Studium zu beenden, um ihm nachreisen zu können. So kehrte sie in die Schweiz zurück, und musste Schweizerdeutsch lernen, weil ihre Mutter mit ihr Englisch gesprochen hatte – weil sie nie geglaubt hätte, dass Maria mal in die Schweiz zurückginge. In Amerika gefiel es ihr nie recht: “Man musste alles mit dem Auto machen, selbst zur Schule hatte man mit dem Auto 40 Minuten.” Man traf auch nie Leute auf der Strasse, die man kennt, alles war zu weiträumig, die Distanzen zu Freunden zu gross.

In Amerika zu gross und zu anonym

Im Alter von 6 Jahren nahm sie Klavierunterricht, sie sang immer in Chören mit, liebt die Musik noch heute und singt in einem Chor in Luzern mit. Sie unterrichtet am BWZ in Sarnen Englisch und an der Schule in Alpnach. Aus Amerika verschlug es sie und ihren Mann erst nach Sarnen, dann in die Westschweiz. Dort aber fand sie es zu wenig kinderfreundlich, die “Gspäneli” waren gewalttätig, in Obwalden hatte sie das anders in Erinnerung, und so kam die Familie zurück nach Alpnach. Und hier fühlt sie sich heute sehr heimisch. So sehr, dass sie es auch anderen gönnen möchte, hier zu leben: Als Schlusswunsch an die Gemeinde formulierte sie das Anliegen, dass es mit der Zonenplanung schneller gehen sollte, damit Bauwillige zu Land kämen. Neben der Liebe zur Musik verbindet sie mit dem zweiten Gast Josef Imfeld auch das Bauernleben: Ihr Mann ist ebenfalls Sohn eines Landwirts.

 

Josef Imfeld

Josef Imfeld erzählte in aller Offenheit auch private Details aus seinem Leben im “verwunschenen Schlierental”, wie Karin Klapproth die Gegend um das Heimet Güetletschwand nannte. Er stellte fest, dass er vieles, was er seinerzeit in der Landwirtschaftsschule gelernt habe, heute nicht mehr nutzen könne. “Die erzählen teilweise heute genau das Gegenteil. Vielleicht müsste man immer von Anfang an das Gegenteil machen…”, meinte er. Er verzichte auf seinem Hof auf Labels, das gebe ihm etwas mehr Freiheit, auch wenn es weniger Geld vom Bund gebe. Klapproth war überrascht, dass seine Kühe Nummern statt Namen tragen. Auf die Frage, wie er sie denn anspreche, meinte er: “Ich muss ihnen die Nummer nicht sagen, sie wissen ja wer ich bin.” Er klärte Unwissende über künstliche Besamung auf, erzählte, wie er sich selber das Handörgelen beigebracht habe und nun immer wieder mal im “Baumgarten” in Alpnach auftritt (“es schadet nicht, etwas unter die Leute zu gehen, das tut mir gut”), und auf seinem Hof entstehe “der beste Birnenhonig der Alpennordseite, ganz ohne Zucker”, hatte Klapproth bei einem Besuch festgestellt.

Die Heimat noch nie verlassen

Ganz anders als die Vielgereiste Maria Dänzer hat Josef Imfeld die Schweiz noch nie verlassen. Der knapp 50-jährige Landwirt ist auch sonst noch wenig von Alpnach weg gewesen – und einmal tat er es nicht einmal freiwillig: Er musste sich in Zürich wegen einer Epilepsie im Anschluss an einen Unfall mit seinem Transporter behandeln lassen. Das war mit 25 Jahren Er hatte Absenzen und Störungen, die Prognose war schlecht, die Krankheit wurde immer akuter. “Man riet mir gar, die Landwirtschaft aufzugeben.” Aber er kämpfte, “ich wollte nicht ein IV-Bezüger werden, auf den alle zeigen.” Letztlich konnten sie ihn wieder “zwägchlöpfe”. Es sei ihm wichtig, zu sagen, dass man Epilepsiekranken gegenüber “Ruhe bewahren und sie machen lassen” solle. Es sei falsch, ihnen immer sofort helfen zu wollen, weil sie sich sonst noch mehr verkrampften. Heute habe er seine Krankheit dank Medikamenten gut im Griff.

“Schliifschteiwasser” in der Milchsuppe

Unterhaltsam waren Imfelds Schilderungen aus der Schulzeit. In der Milchsuppe habe es jeweils “Schliifschteiwasser” (“das sah nicht gerade appetitlich aus”) gegeben – so nannten sie den mit Wasser gestreckten Kakao. Abwechslung sei rar gewesen damals: Käse, Brot, Kakao, und immer wieder dasselbe oder Resten davon. Nachdenklich machten seine Ausführungen über “Tatzen” (Schläge) der Lehrerin und das Verhalten des Abwarts, der die Schüler in Pausen nicht im Schulzimmer und auch nicht auf dem Pausenplatz wollte, wenn dann aber mal aus Langeweile irgendwo was kaputt gegangen sei, “waren es immer die Milchsuppengofen”. Bis es ihm gereicht habe, und dann sei er jeweils mittags nach Hause gegangen, “so mussten sie ein neues Opfer suchen”.

Josef ist in einem Drei-Generationen-Haushalt aufgewachsen. Das war nicht immer einfach, aber trotzdem habe er daraus viel gelernt. Und wie steht es um die nächste Generation? “Es ist schwierig, eine Frau zu finden, die bereit ist, auf einem arbeitsintensiven Hof zuzupacken”, meinte Imfeld auf die Frage Karin Klapproths nach einer Frau an seiner Seite. Wie eine solche sein sollte, weiss er, aber darüber reden – “das ist Leute ausgefragt”. Auf jeden Fall hält er nichts vom TV-Format “Bauer, ledig, sucht”, das sei ihm zu aufgebauscht und künstlich. Es sei ihm ja auch nicht unwohl in seinem geliebten Schlierental: “Hier sieht es immer wieder anders aus, man muss nur die Augen offenhalten.” Er sehe keinen Grund, von hier weg zu wollen. Und wenn ihm der Gemeinderat noch seinen Schlusswunsch erfüllt, eine jahrelange Geschichte (“so lange ich lebe”) um eine nicht näher erläuterte  Grundbuchangelegenheit rund ums Burketengräbli zu regeln, dann wäre er glücklich. “Auch der Gemeinderat sollte sich an Gesetze halten”, meinte er dazu.

Karin Klapproth (rechts) im Gespräch mit Maria Dänzer und Josef Imfeld

Für den grössten Lacher sorgte zu Beginn des Gesprächs Moderatorin Karin Klapproth, als sie aus einer Plastiktüte dreckige Gummistiefel auspackte und sie anzog. Sie hoffe, sich so besser in das Leben eines Bauern wie ihres Gastes Josef Imfeld hineinversetzen zu können. Von dieser Einlage blieb vor allem einiger Dreck auf der Bühne liegen. Sie erzählte beim Apéro, dass sie sich die Stiefel erst hätte schmutzig machen müssen, worauf Imfeld konterte: Er hätte ihr schon dreckige Stiefel mitbringen können….

Karin Klapproth verspricht sich von dreckigen Stiefeln, dass sie sich besser in einen Bauern hineindenken kann….

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